„Meine Stimme ändert sowieso nichts.“ Wer diesen Satz denkt, hat oft den ersten Schritt aus dem demokratischen Diskurs getan. Viele junge Menschen fühlen sich durch aktuelle Krisen ohnmächtig. Daher ist das Erleben von demokratischer Selbstwirksamkeit der wichtigste Schutzfaktor gegen Politikverdrossenheit. Genau hier setzt das innovative Verbundprojekt „Das Land, in dem ich (nicht) leben will“ des Kulturwerks Bergwinkel e.V. an. Ab dem 10. August 2026 ergänzt das Projekt den Lehrplan einiger Schulen des MKK und verbindet politische Bildung mit künstlerischem Ausdruck.
Selbstwirksamkeit: Das Schutzschild der Demokratie
Demokratische Selbstwirksamkeit ist das Vertrauen darauf, gesellschaftliche Prozesse aktiv mitzugestalten. Sie bildet das Fundament einer wehrhaften Demokratie und umfasst zwei Dimensionen:
- Interne Selbstwirksamkeit: Die persönliche Überzeugung, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge intellektuell zu verstehen und kompetent genug zu sein, um sich aktiv einzubringen.
- Externe Selbstwirksamkeit: Das Vertrauen darauf, dass die Institutionen, das politische System und die Entscheidungsträger tatsächlich auf die eigene Beteiligung und die Stimmen der Bürger*innen reagieren.
Das Projekt zeigt Jugendlichen, wie wichtig ihre Teilhabe in Schule und Wohnort ist. Indem sie mitbestimmen, bauen sie ein Gegenmittel zu Ohnmachtsgefühlen auf. Gleichzeitig stärken sie ihre Resilienz gegen extremistische Gruppierungen, die gezielt nach Orientierung suchende junge Menschen ansprechen.
Die Kraft des Artivismus: Vom Klassenzimmer auf die Tanzbühne
Klassische politische Bildung ist Jugendlichen oft zu textlastig. Hier setzt der Ansatz des Artivismus (Art + Activismus) an: Kunst dient nicht als bloße Dekoration, sondern als primäres Werkzeug, um komplexe gesellschaftliche Themen emotional erfahrbar zu machen und Ohnmachtsgefühlen eine kreative Stimme zu geben.
Das Projekt läuft bis Ende Dezember 2026 in den Kommunen Schlüchtern, Birstein, Sinntal und Bad Soden-Salmünster. Es richtet sich gezielt an weiterführende Schulen ab der 9. Klasse aufwärts und gliedert sich in einen dreistufigen, kreativen Prozess:
1. Die Kreativphase im Unterricht: Unter der Begleitung von Lehrkräften arbeiten die Schüler*innen über etwa vier Wochen hinweg in Fächern wie Kunst, Musik, Deutsch, Politik oder Geschichte intensiv an zwei Textimpulsen. Diese behandeln einerseits die konkreten Bedrohungen von Freiheit und Demokratie und skizzieren andererseits positive Visionen für ein wünschenswertes soziales Umfeld. Das Projektteam unterstützt die Klassen in dieser Zeit mit Impulsen und Beratung vor Ort.
2. Der wertschätzende Austausch: Im zweiten Schritt verlassen die Jugendlichen die Rolle der reinen Konsumenten und werden zu Produzenten: Sie präsentieren ihre erarbeiteten, kreativen Produkte einer weiteren Schülergruppe. Erfahrene Moderatorinnen begleiten diesen Dialog auf Augenhöhe, um tiefgehende, wertschätzende Gespräche über Wünsche, Ängste und gesellschaftliche Utopien anzustoßen.
3. Tanztheater als emotionaler Impuls: Als großes, verbindendes Highlight präsentiert die professionelle Tanzkompagnie artodance speziell für das Projekt vorbereitete Tanztheaterszenen vor den beteiligten Schülergruppen. Diese Inszenierung berührt emotional und öffnet den geschützten Raum für anschließende Kleingruppengespräche. Hierbei wird aktiv diskutiert, welche realen Mitgestaltungsmöglichkeiten unsere Demokratie Jugendlichen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene bietet.
Ein starkes regionales Netzwerk für tolerantes Miteinander
Hinter der Organisation steht ein eingespieltes Verbundnetzwerk aus der Region, das den Jugendlichen eine professionelle und diversitätssensible Betreuung garantiert:
- Kulturwerk Bergwinkel e.V.: Verantwortlich für die Gesamtorganisation, die technische Betreuung der Präsentationen und die Projektleitung.
- Bündnis für Demokratie und Toleranz im Bergwinkel: Steuert die Projektkoordination, hält den engen Kontakt zu den Schulen und übernimmt die Terminplanung.
- Tanzkompagnie artodance: Entwickelt unter der künstlerischen Leitung von Monica Opsahl die Choreographien und setzt die ausdrucksstarken Tanzszenen um.
Wer Einfluss erlebt, schützt die Gemeinschaft
Gelebte Mitbestimmung ist der beste Schutz gegen Vorurteile. Wenn junge Menschen erleben, dass ihre kreativen Botschaften sichtbar werden, wächst ihr Vertrauen in die eigene Stimme. Kunst wird somit zum perfekten Werkzeug, um die Mechanismen unserer Demokratie selbstbewusst zu nutzen.